Es ist dieser eine Moment am Abend, wenn die Kinder im Bett sind, die Steuererklärung auf dem Tisch liegt oder die nächste Kita-Schließung per E-Mail eintrudelt. Man rechnet. Man vergleicht. Und am Ende steht oft dieser eine, vermeintlich logische Satz: „Wenn einer von uns zu Hause bleibt oder reduziert, dann bist du das – du verdienst ja eh kaum mehr, als wir für die Kinderbetreuung zahlen würden.“

Auf LinkedIn und in Hochglanzmagazinen feiern wir das Märchen von der „freien Wahl“. Wir posten über 50/50-Modelle, „Work-Life-Remix“ und moderne Väter. Doch wenn es hart auf hart kommt, entscheidet in deutschen Wohnzimmern fast immer nur eine einzige Metrik über die Verteilung der Care-Arbeit: Das aktuelle Nettoeinkommen.

In der neuesten Folge von Kreativchaos und Kaffeepause spricht Michael mit Teresa Conrad. Sie ist Expertin für ein Thema, das so manchen Puls in die Höhe treibt: Geld, Zeit und Rollen.


Die ökonomische Milchmädchenrechnung

Wenn Paare sagen: „Der mit dem höheren Gehalt arbeitet Vollzeit“, klingt das nach vernünftigem Haushaltsmanagement. Betriebswirtschaftlich gesehen macht das Sinn – kurzfristig. Aber langfristig? Langfristig ist es oft der Anfang vom Ende der weiblichen wirtschaftlichen Unabhängigkeit.

Teresa macht im Podcast klar: Wir schauen nur auf die 500 € oder 1.000 € Differenz, die heute am Monatsende auf dem Konto stehen. Was wir dabei geflissentlich ignorieren, ist der Preis, der erst Jahre später abgerechnet wird:

  • Der unsichtbare Karriere-Knick: Wer fünf Jahre aussteigt oder nur „nebenher“ arbeitet, verliert nicht nur Gehalt, sondern auch wertvolle Erfahrung, Netzwerke und Beförderungschancen. Ein Gap, der sich oft nie wieder schließen lässt.
  • Die Rentenlücke (Gender Pension Gap): Altersarmut in Deutschland ist oft weiblich. Sie ist das direkte Resultat einer Entscheidung, die 30 Jahre zuvor am Küchentisch getroffen wurde.
  • Die Machtverschiebung: Geld ist Energie und Geld ist Einfluss. Wenn einer das Geld nach Hause bringt und der andere die Wäsche faltet, entsteht eine subtile Machtverschiebung. Wer zahlt, schafft an? In vielen Beziehungen schleicht sich dieses Muster ein, ohne dass es jemand laut ausspricht.

2026-Leistung trifft auf 1950er-Strukturen

Warum ist das heute immer noch so? Teresa bringt es im Podcast radikal auf den Punkt: Eigentlich ist es in Deutschland heutzutage ökonomisch gesehen „schwachsinnig“, Kinder zu bekommen. Das System ist darauf ausgelegt, dass eine Person (traditionell der Vater) Vollzeit arbeitet und die andere Person (die Mutter) den Rest „irgendwie“ managed. Wir leben im Jahr 2026, der Arbeitsmarkt verlangt Flexibilität und 24/7-Verfügbarkeit. Gleichzeitig machen Kitas um 14 Uhr dicht, die Ganztagsbetreuung ist ein Glücksspiel und das Schulsystem steckt noch tief im letzten Jahrhundert fest.

Wir versuchen, moderne Lebensentwürfe auf ein marodes Fundament zu bauen. Das Ergebnis? Wir privatisieren das strukturelle Versagen des Staates und regeln es im Privaten – meist zu Lasten der Frau.


Teamarbeit statt Schicksalsergebenheit

Michaels persönlicher Weg: Er ist seit 8 Jahren selbstständig, um genau diese Flexibilität zu haben. Er holt die Kinder um 12 oder 13 Uhr ab, kocht, macht Hausaufgaben und jongliert Termine. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – er tu das nicht, weil er „muss“, oder weil ein Mann „mehr wert“ ist. Michael und seine Frau haben sich als Team bewusst für dieses Modell entschieden und die finanziellen Konsequenzen offen besprochen.

Wir müssen über Geld sprechen – und zwar schmerzhaft ehrlich. Bevor der Rentenbescheid kommt. Bevor eine Trennung die wirtschaftliche Existenz bedroht. Bevor wir feststellen, dass „Lifestyle-Teilzeit“ eigentlich nur ein anderes Wort für „systematische Benachteiligung“ ist.


🎧 Jetzt die neue Folge hören

In dieser Episode gehen Teresa und ich dahin, wo es wehtut. Wir sprechen über:

  1. Warum das Ehegattensplitting eine Subvention der Abhängigkeit ist.
  2. Wie man als Paar ein faires „Finanz-Set-up“ für die Familienzeit baut.
  3. Warum „Selbstfürsorge“ für Mamas auch immer etwas mit dem eigenen Depot zu tun hat.

Von Aline